Prosa

30
Mrz
2009

Die Montagsfrau

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Sie kommt immer montags, gegen 17 Uhr. Sie ist mittelgroß, Anfang vierzig oder eine Spur darüber hinaus und sieht gut aus, mit jenem Touch zur Strenge, den Distinguiertheit und Lebenserfahrung mit sich tragen. Von beidem hat sie zweifellos eine Menge.

Stets ist sie exquisit gekleidet. Man soll ihr ansehen, dass ihr Mode Spaß macht. Denn die Sachen, die sie trägt, sind nicht nur erkennbar teuer, sondern auch geschmackvoll und mit Blick für das Ganze wie für das Detail zusammengestellt. Vor allem gefällt mir, dass sie hochwertige Strümpfe trägt (wahrscheinlich sind es ja Strumpfhosen, aber diese zu loben, scheint mir banal...), perfekt abgestimmt auf die Farbe der Schuhe oder, da es jetzt Mode ist: der hochschaftigen Stiefel.

Apropo perfekt: Ob ihre Figur ausgeprägt weiblich ist, vermag ich nicht zu sagen. Da sie eine Dame ist, hält sie ihre Konturen bedeckt (wohl aus dem vielfach erprobten Kalkül, gerade damit die suchenden Blicke anzulocken).

Ich frage mich, warum sie immer nur montags und gegen 17 Uhr erscheint.
Ich denke mir, dass sie vielleicht ein Seminar abhält an der nahen Fachhochschule. Immer nur montags. Aber dagegen spricht, dass sie stets ein edles Moleskine-Notizbuch hervorzieht und - nachdem sie einen Espresso mit einem Glas Wasser bestellt hat - mittels eines erkennbar edlen Füllfederhalters damit beginnt, umfangreiche Einträge zu verfassen. Fließend, ohne zu zögern. Ich denke: wenn das ein beruflicher Reflex sein sollte, hätte sie doch wohl eher so ein Notebook wie ich benutzt. Oder?

Vielleicht hat sie ja auch eine Therapiestunde gehabt. Auf der Couch. Aber dann käme sie nicht so abgeklärt daher. Nach einer Stunde Seelenklempner ist einem nicht gleich danach, alles aufzuschreiben. Wie auch immer: es ist ein Selbstgespräch, das sie mit sich und dem Moleskine führt und in der Regel hat sie nur 20 Minuten dafür.

Das Schreiben lenkt den Blick auf die schmalen Hände. An den Fingern stecken mehrere modern designte Ringe. Auch die Handtasche, aus der sie das Moleskine zieht, ist von bester Qualität. Als sie (nach 20 Minuten) gezahlt hat, nickt sie mir kurz zu, mit einer Andeutung von Lächeln, die besagt, dass wir wieder einmal nahezu intime Momente geteilt haben, bei wohltuender Distanz.

Bevor sie geht, nutzt sie die Toilette, die in dem Café nicht gerade einladend ist. Das irritiert mich ein wenig. Wenn es so ist, dass sie sich zu Fuß auf den Heimweg macht, würde eine Frau wie sie es gewiss vermeiden, diese Toilette zu benutzen.
Dann wohnt sie also doch nicht in der Nähe? Aber wo? Ob es unschicklich wäre, ihr zu folgen?

Jedenfalls weise ich montags ab 15 Uhr konsequent und energisch jeden anderen Gast ab, der sich an meinen Tisch setzen will (der immerhin für 8 Personen gedacht ist). Wenn Madame kommt, fragt sie dennoch höflich, ob noch ein Platz frei ist, was ich sodann bejahe. Das ist unsere ganze verbale Konversation.

Im Folgenden tue ich so, als wäre ich ganz und gar damit beschäftigt, irgendein wichtiges Problem in meiner aktuellen Worddatei zu bearbeiten. In Wirklichkeit werfe ich häufige und möglichst diskrete Seitenblicke auf Kleidung, Strümpfe, Moleskine, Füllhalter, Espresso mit einem Glas Wasser, das Ausmaß der Einträge, die verhüllte Statur, die Stoa ihres glatten Gesichts...

Zuletzt allerdings gerät mein sicheres Weltbild ein wenig durcheinander: Madame kommt in einer roten Lederjacke, die nicht einmal neueren Datums zu sein scheint; ferner in Sneakers, die schon ziemlich abgewetzt sind. An diesem Tag ist recht viel los im Café und die ansonsten aufmerksame Bedienung übersieht Madame einfach. Dreimal versucht Madame auf sich aufmerksam zu machen - vergeblich. Da dreht sie sich mit einem halb spielerisch, halb wirklich verzweifelten Ausdruck zu mir (ich sitze zwei Stühle weiter, es ist der Minimalabstand, ohne aufdringlich zu wirken), und sagt, nein, eigentlich ruft sie es mir zu: "Die sehen mich nicht!"

Für mich ist das ein Bruch mit der Konvention, ein seltsames Erleben, da diese Frau mit ihrem souveränen Auftreten auf einmal etwas Kindlich-Weibliches offenbart, in dem Hilflosigkeit und Schutzlosigkeit eine Rolle spielen - also alles was sich ein Mann nur wünschen kann.

Ich antworte nichts auf ihren Hilferuf, bin in diesem Moment nur das Publikum für ihre Fassungslosigkeit. Gleich darauf wird Madame auch schon bedient. Sie bestellt diesmal keinen Espresso, sondern ein großes Glas frischen Pfefferminztee. Das Moleskine, das sie hervorzieht, hat an diesem Tag ein größeres Format, das Mitteilungsbedürfnis an sich selbst scheint gewachsen.

Erst später fällt mir eine Replik ein, die alles zwischen uns hätte klären können: "Ich habe keinen Augenblick lang geglaubt, Madame, dass man Sie hätte übersehen können!"
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9
Mrz
2009

Minutenprosa auf Twitter: Grace

Die 18 Teile von 'Grace' entsprechen jeweils bis zu 140 Zeichen. Das ist das Höchstmaß, das Twitter je Tweed zulässt. Siehe auch den Beitrag vom 7. März
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Grace oder: Fragte man jetzt nach dem Glück

/ 1 / Sie ist von klassischer Schönheit, wie sie uns manche Filme der vierziger oder fünfziger Jahre vorführen. Typ Grace Kelly, > 2

/ 2 / vor ihrer Heirat mit dem monegassischen Fürsten. Ebenmäßige Züge, mittelblondes Haar, eine sportliche Figur. Dabei, dem Typ > 3

/ 3 / wie dem Klischee entsprechend, überaus kühl und desinteressiert. Ohne sich im Geringsten anzustrengen, übersieht sie, > 4

/ 4 / wen sie nicht sehen will. Sie hat es nicht nötig, aus Gefälligkeit zu lächeln. Das mag die Sache von anderen Frauen sein, > 5

/ 5 / nicht ihre. Dabei ist ihre Schönheit nicht nur verstörend, sondern heute auch verstört: Das Haar hat sie achtlos > 6

/ 6 / im Nacken zusammengebunden, den Mantel und den Schal nicht abgelegt, als fröre sie in dem überhitzten Aufenthaltsraum. >7

/ 7 / Sie raucht unentwegt und findet noch Gelegenheit, sich selbst wie von Fieber geschüttelt zu umarmen. Fragte man jetzt > 8

/ 8 / nach ihrem Glück, so hätte sie nur einen verächtlichen Laut dafür. Es ist wohl aus mit dem Glück. Hintereinander, gerade so dass > 9

/ 10 / eins in die noch frische Wunde des anderen geknallt ist, hat es sie erwischt: der Streit mit der Familie, der Autounfall > 11

/ 11 / (das Dümmste, was überhaupt nur möglich war: ein Linksabbiegevorgang mit von hinten herbeieilender Straßenbahn, >12

/ 12 / die, was unerklärlich bleibt, übersehen wurde, eine Kollision der Stirn mit der Windschutzscheibe, so dass die Schleiftour > 13

/ 13 / über zwanzig oder dreißig Meter ohne eigentliches Bewusstsein bleibt: der Wagen fängt an zu brennen, was ihr aber auch > 14

/ 14 / Von außen, von unangenehm laut kreischenden Passanten, mitgeteilt werden muss), dann, praktisch noch am Krankenbett, > 15

/ 15 / in einem Zustand allseitiger Beobachtung, die Mitteilung ihres Lovers, sie zugunsten einer anderen aufzugeben, mit > 16

/ 16 / sofortiger, Wirkung die Wohnung jedoch zu behalten. Was soll man da noch machen? Da bleibt nicht viel, als sich > 17

/ 17 / selbst zu umarmen und in der Welt ein Komplott zu sehen, gegen das eigene Leben gerichtet. Sie kann niemanden fragen und > 18

/ 18 / möchte doch jeden fragen. Zum ersten Mal ist ihr das bewusst geworden. <<<

14
Jan
2009

Die Große Woche

Wie jedes Jahr trafen sich zur Großen Woche die schönsten Huren Europas, die reichen südamerikanischen Drogenbosse, Banker, Industrielle und Politiker, um Geschäfte zu machen. Rodrigo, schlank, mittelgroß, mit schwarzem, im Nacken zusammengebundenem Haar, war mit seiner Privatmaschine über London, Prag und Zürich nach Baden-Baden gekommen, hatte Antigua und Helen an der Côte aufspüren lassen, wo sie den Sommer über arbeiteten, und in die Stadt bestellt.

Während sich in den Suiten der Luxushotels die Zimmermädchen am Morgen normalerweise durch Schwaden des süßlich-brennenden Haschischgeruchs zu den Fenstern kämpfen mussten, um die Räume zu lüften, und in der Rennwoche die verschärfte Anweisung galt, den feinen Kokainstaub spurenlos von den Glastischen zu wischen, übten sich gerade die Südamerikaner in Puritanismus, was Rauschgifte anging, und achteten peinlich darauf, kein Zehntelgramm bei sich zu tragen. Von ihren Leibwächtern wurde racehorse1 erwartet, dass sie die handlichen Schnellfeuerpistolen, die sie mit sich führten, für die Dauer des Aufenthaltes in den Safes der Hotels deponierten, wo sich zeitweise die Waffen so häuften, dass Verwechslungen vorkamen. Mit den ungeduldigen Herren ergaben sich schwierige Situationen, und eine Art Garderobenmarke musste eingeführt werden.

Rodrigo kümmerte sich nicht um solche Dinge. Er war gekommen, um Geschäfte zu machen, bei denen er sein Geld in Europa anlegen konnte. Drogen und Waffen durften nicht in seine Nähe.
Im Grunde, pflegte er im hart klingenden kolumbianischen Spanisch zu sagen, bin ich nicht hier!
Und obwohl er über zehn Jahre lang zweimal jährlich in die Stadt kam, das beste Hotel bewohnte und am gesellschaftlichen Leben teilnahm, um seine Geschäfte abwickeln zu können, gab es nach all dieser Zeit niemanden, der bezeugen wollte, ihn gekannt zu haben.

Als er Therese kennen lernte und die Distanz zu seinem Beruf größer wurde, begegnete ihm in den Thermen einmal ein Mann, der ihm als Etagenkellner bekannt war. Er nickte ihm zu, aber der Mann erwiderte den Gruß nicht, obwohl er Rodrigo gesehen haben musste, und Rodrigo dachte, voller Bewunderung für die Perfektion der in der Stadt gebotenen Dienstleistungen: Man weiß, dass ich nicht hier bin, und jeder hält sich daran!

Stets begleiteten ihn einige Männer seiner Leibwache. Und doch vergewisserte er sich dadurch nur seiner Position. Denn sie garantierten ihm etwas sehr Seltenes: äußere Distanz. Seinen Schutz übernahm ein privates deutsches Wachunternehmen, spezialisiert auf Fälle dieser Art. Deren Männer durften Waffen tragen und arbeiteten mit der örtlichen Polizei zusammen.

Rodrigo war jetzt 42 und hatte das Unternehmen von seinem älteren Bruder übernommen, der in den USA für hundertzwanzig Jahre hinter Gittern saß. Ihr Vater hatte das Geschäft aufgebaut, aber erst sein Bruder hatte es groß gemacht gegen die Konkurrenz aus dem eigenen Land und die international so erfolgreichen Chinesen. Er hatte die katalanische Küste und den spanischen Markt als Sprungbrett für Europa erschlossen, und Rodrigo sah sich nun in einer Generationenabfolge, wo die Gelder wie von alleine flossen und das Unternehmen zu verzweigt war, um einfach zerschlagen zu werden: zu viele Arbeitsplätze hingen davon ab, der kolumbianische Staat würde helfend eingreifen. Die eigentliche Aufgabe für Rodrigo bestand darin, die Gewinne sicher, das hieß: außerhalb des Drogenbereichs, anzulegen.

Manchmal stritt er mit seinem Neffen über seine Arbeit. Alfonso durchlief gerade seine Lehrjahre, arbeitete als Straßendealer, Verteiler und in den Labors und führte unter dem Schutz der Sonderbewachung, auf die er Anspruch hatte, auch wenn er niedrige Arbeiten versah, zwei Mordanschläge durch, auf kurze Distanz, wie er es gewünscht hatte: für den Richter das Messer, für eine Journalistin, nachdem er sie vergewaltigt hatte, die Drahtschlinge.

Alfonso, trotz des modischen Gehabes seiner Jugend nicht cool, sondern stets ein wenig zu nervös, warf seinem Onkel vor, satt und faul geworden zu sein.
Langsam, rief er hitzig, erinnerst du mich an diese fetten Schweine vom Unternehmerverband!
Er schaute ihn herausfordernd an.
Du redest, antwortete Rodrigo ruhig, wie eins von diesen fetten Schweinen von den Gewerkschaften! Willst du vielleicht eine Abreibung, Alfonso? Das kühlt!

Sie rangen miteinander. Der Staub der Reitbahn wirbelte hoch in die Luft und hüllte zuerst ihr Keuchen, dann ihr Lachen ein, als der Ältere den jüngeren unter sich zwang.
Gibst du auf?
Natürlich! Du brichst mir den Arm!
Der Onkel ließ ihn frei, und sie klopften den Staub von ihren Kleidern.
Bald bin ich soweit! sagte Alfonso zufrieden.
Ja, sagte Rodrigo, ohne eine Spur von Hast in seiner Stimme: wenn ich es dir sage!

In Baden-Baden begleiteten ihn Antigua und Helen. Sie traten auf wie Privatsekretärinnen, selbstsicher und distinguiert, dabei ungewöhnlich schön, mit guten Umgangsformen und einer profunden Allgemeinbildung, sodass in Gesellschaft nie jene peinliche Situation entstand, dass man von ihrem Benehmen, ihrer Art sich zu kleiden oder aus dem, was sie sagten, schließen konnte, was sie waren.

Eher kam es vor, dass gutbürgerliche Frauen in der Großen Woche, wenn jeder wusste, dass viele Huren in der Stadt waren, nach ihrem Preis gefragt wurden.
Als sich durch Therese Rodrigos Beziehung zu den beiden veränderte, da er nun mehr ihren Rat als ihren Körper wünschte, fragte er aus einer unbedachten Laune heraus, was eigentlich wirklich von ihnen präsent sei in Baden-Baden.

Antigua antwortete: Das geht Sie nichts an, Senor Abalás! Dann aber verzog sie den Mund noch zu einem Lächeln: Mehr als mein Arsch jedenfalls nicht!
Und Helen, eigentlich die sanftere von beiden, antwortete ebenso ohne zu zögern: Mein Vater nicht, mein Kind nicht, mein Zuhälter auch nicht! - Antigua hat Recht, Senor Abalás: Es geht Sie nichts an!

Jeden Morgen um sechs verließ Rodrigo sein Hotel durch die Gartenpforte, erreichte das andere Ufer der Oos über eine kleine Brücke, die nur Hotelgästen offenstand, und lief die Lichtentaler Allee flussaufwärts - nicht so sehr wegen ihrer Schönheit, sondern weil sie eben war und fast frei von Durchgangsverkehr. Helen und Antigua begleiteten ihn.

Am Ende dieses langgestreckten englischen Gartens lag das Kloster Lichtental, eine alte Zisterzienserinnen-Abtei. Dort wartete ein Wagen auf sie. Manchmal liefen sie zeitig genug, um an der Frühmesse teilzunehmen. Dann frühstückten sie mit den freundlichen Nonnen, und Rodrigo tauschte mit der ehrwürdigen Äbtissin die Wonnen des Schweigens.

Im Lauf des Vormittags besuchten sie die städtische Trinkhalle. Baden-Baden warb vor allem in den Ländern des Machismo mit der potenzsteigernden Wirkung der Friedrichsquelle, und Rodrigo hatte schon in Medellín von ihrer Kraft gehört. Zwar schien es ihm nicht falsch, in dieser Hinsicht vorsichtig zu sein, aber die zweite Indikation war ihm wichtiger: Ein alter Mann hatte ihm erzählt, die Quelle verlängere das Leben. Mit jedem Glas gewinne er einen Tag.

Rodrigo glaubte an solche Vorhersagen und nahm stets einen Vorrat des Wassers mit nach Kolumbien. Im Lauf der Jahre hatte er nicht wenige Menschen sterben sehen, darunter seinen Vater und seine erste Frau. Es war um die Herrschaft über die karibischen Verkehrswege gegangen, und er hatte diese Frau geheiratet, um einen Krieg zwischen seiner Familie und der Familie dieser Frau noch hinauszuzögern.

In Baden-Baden trank er jeden Tag von der Quelle, obgleich sie ihn wegen ihrer Wärme und ihres Geschmacks an dampfende Pferdepisse erinnerte: an seine kleinen, eisenharten Polopferde, wenn sie sich nach ihrem Einsatz, zitternd vor Anstrengung und Vorfreude, endlich erleichtern durften.


Zu dem Zeitpunkt, als die Erzählung einsetzt, hatte er auf diese Weise einen sicheren Vorrat von nicht weniger als neunhundertsiebenunddreißig Tagen.
Manchmal sinnierte er kopfschüttelnd über diese Art Leben. Dann lachte er breit über das schon etwas aufgedunsene Gesicht und spürte zugleich den bitteren Eisenkern der Melancholie auf der Zunge.

Was für eine grandiose Vergeblichkeit! sagte er zu sich. Wahrscheinlich verdanke ich mein Leben einmal der dampfenden Pisse von Pferden!

Rodrigo aß nur wenig zu Mittag. Die opulente französische oder italienische Küche der meisten Hotels behagte ihm nicht. Steaks, Salat, Wasser statt Wein. Dann zog er sich mit Helen und Antigua auf seine Suite zurück. Am Nachmittag besuchten sie die Rennen in Iffezheim. Er wettete große Summen und gewann nicht selten, denn er hatte ein Auge für Pferde, beteiligte sich im Grunde aber nur wegen der beiden Frauen am Spiel - glaubte er doch, diese würden hier einmal vergessen, dass er sie bezahlte, und so schätzte er, was er für ihre naive Begeisterung hielt, fast mehr als ihre eigentlichen Dienste. Ansonsten interessierte ihn das Wetten nicht besonders, und Pferderennen langweilten ihn, schon weil er es gewohnt war, seine eigenen Herden frei über die Weideflächen seiner Haziendas laufen zu sehen.

Irgendwann, wenn die Pferde ihre Runden drehten, nahm Rodrigo die anderen Zuschauer auf der Ehrentribüne zur Kenntnis: die bekannten Gesichter aus dem internationalen Drogengeschäft, die führenden Bankiers, die in der Großen Woche aus allen Teilen Europas nach Baden-Baden kamen, wie Schmeißfliegen auf einen Misthaufen, und schließlich die heimischen Politiker, die sich als Vermittler anboten und nach allen Seiten lächelten.

Nirgendwo in Europa war in der Großen Woche soviel Geld auf einem Fleck wie in dieser kleinen, überschaubaren Stadt. Seit Jahren hatten sich bestimmte Plätze herausgebildet, wo man handelseinig werden konnte, herrschte doch von Medellín und Cali bis Miami und Barcelona die Übereinkunft, dass, wer nach Baden-Baden komme, ein Angebot zu machen habe.

Um das Geschäft einzufädeln, lautete die Frage: Kennen Sie Monsieur Bénazet?
Und die Antwort musste sein: Nein, aber ich werde sie morgen kennen lernen!
Denn es handelte sich bei den Bénazets um Brüder - beide im übrigen seit hundert Jahren tot.

Sie waren es gewesen, die mit Rennbahn, Casino und Theater den europäischen Adel von Paris, wo er vertrieben worden war, zumindest zeitweise nach Baden-Baden lockten, indem sie nicht nur Geschäfte anboten und Restauration, sondern auch die Möglichkeit, sich zu zerstreuen. Man sah sich beim Rennen, auf dem Laufsteg der Lichtentaler Allee, in den Salons der großen Welt oder des Nachts in der Spielbank, nahm sich zur Kenntnis und unterbreitete ein Angebot.

Früher waren vor allem Kriege ausgehandelt worden. Bei den Waffengeschäften traten Rumänen und Tschechen als Produzenten auf, afrikanische und südostasiatische Länder führten die endlos gewundene Schlange der Verbraucher an. Als Vermittler agierten Franzosen und hielten die Waffensysteme in elsässischen Scheunen zur Ansicht.

Aufgrund der Analyse einer Unternehmensberatung spezialisierte sich die Stadt jedoch seit Ende der siebziger Jahre auf Serviceleistungen, wenn es darum ging, Drogengewinne in Europa anzulegen. Der Weg erwies sich als richtig. Eine moderne Thermenlandschaft wurde gebaut, die Sanierung des historischen Viertels vorangetrieben und die Innenstadt durch einen Tunnel vom Verkehr entlastet. Das Geschäft mit den Kurgästen und der Massentourismus liefen eher nebenher, ebenso die Beherbergung von wohlhabenden Alten, die irgendwann kamen, um eine karge Wintersaison mit dem ausserordentlichen Zeugnis ihres langsamen Todes zu bereichern.

Als Rodrigo zur Zeit der Großen Woche einmal mit Therese auf der Terrasse des Parkallee-Hotels zu Abend aß - es war die letzte Rennsaison, die sie gemeinsam erleben sollten -, erlitt am Nebentisch ein älterer Mann, der von zwei Pflegerinnen in Schwesterntracht begleitet wurde, einen Schlaganfall. Er stürzte ruckartig nach vorn, und die Hummergabel, mit der er bis dahin sehr geschickt hantiert hatte, drang dem weisshaarigen, distinguiert und vornehm wirkenden Greis, es war ein französischer Graf, durchs linke Auge in den Stirnlappen des Großhirns, wo der Pathologe später ein Stück bretonischen Hummers im Gemüsesud entfernte.

Die Gäste an den anderen Tischen übergaben sich noch auf der Terrasse. Doch Therese, die drei Kinder geboren und ihren Mann hatte sterben sehen, nahm den Vorfall mit einiger Gelassenheit und versuchte den beiden jungen Pflegerinnen zu helfen. Aber es war nicht mehr viel zu tun.

Als sie gingen, streifte Rodrigo den Körper, der unter einem sauberen Tischtuch ausgestreckt lag, mit einem abschätzigen Blick.
Es ist seltsam, sagte er kühl: Aber hier sterben sie alle so oder ähnlich! Die Todessüchtigen kommen in Massen in diese Stadt, und jeder von ihnen steht plötzlich vor der Notwendigkeit, einen einzigartigen und höchst individuellen Tod zu inszenieren. Es war nicht einmal die schlechteste Art!

Um Angebote einzuholen, schickte man Emissäre. Für diesen Zweck nutzte Rodrigo seine kolumbianischen Leibwächter: Hervé war ein promovierter Jurist, Jean ein Mediziner, der sich an der Ostberliner Charité habilitiert hatte, und Fernando ein Wirtschaftsprüfer, der bei der UNESCO gearbeitet hatte. Diese Männer aßen mit Messer und Gabel, tranken Mineralwasser und diskutierten, sofern Rodrigo sie dazu einlud, mit ihm die Philosophie Heideggers, die Musik von Cage oder die Blechplastiken Chamberlains - und waren darüber hinaus jederzeit bereit, den zahlreichen Morden, die sie bereits hinter sich hatten, weitere hinzuzufügen.

Bis zu Rodrigos Tod war der traditionelle Ort für die Geschäftsabschlüsse die Gönner-Anlage, benannt nach einem früheren Oberbürgermeister der Stadt: ein Jugendstilgarten im französischen Rokokostil, mit unübersichtlichen Hecken, schwer einsehbaren Laubengängen und einer Reihe von einladenden Bänken. In der Saison wurde die Anlage von Arbeitern der Bäder- und Kurverwaltung gepflegt, jeden Morgen und noch einmal mittags, bevor die Hauptgeschäftszeit begann. Die Wege wurden geharkt und gesprengt, Papier aufgesammelt, Zigarettenkippen aus den Sträuchern entfernt, Cola-Dosen und Präservative. Eine Sondereinheit der örtlichen Polizei durchsuchte den Garten nach Sprengkörpern und Mikrofonen, zog sich sodann diskret zurück und achtete darauf, dass die Geschäfte nicht durch Liebespaare, Journalisten oder spielende Kinder gestört wurden.

Rodrigo sah dort für den Nachmittag eine Stunde vor, um seine Geschäfte abzuwickeln. Er hatte sich bei der Bäder- und Kurverwaltung von sechzehn bis siebzehn Uhr eine bestimmte Bank reservieren lassen, wo die schon abendliche Sonne sein jeweiliges Gegenüber blendete. Die Zeit war knapp. Bankiers und Großindustrielle wurden in Abständen von fünfzehn Minuten bestellt, Politiker hatten zehn Minuten und waren aufgefordert, sich daran zu halten. Nicht selten erschienen sie zu früh und standen dann in einer kleinen englischen Warteschlange, bis man sie vorließ.

Rodrigo verachtete diese Unterwürfigkeit und schätzte bei seinen Freunden einen mit Widerhaken gepaarten Geist, geeignet, über die wichtigen Dinge im Leben zu reden - vor allem aber über die Liebe.

Therese sagte einmal, als sie schon einige Nächte mit ihm verbracht hatte und ihn ein wenig besser kannte: Vielleicht ist das sein eigentliches Talent: wie er über die Liebe redet.

Denn der Südamerikaner wusste um das wechselhafte Verhältnis von Nähe und Distanz zwischen Männern und Frauen und schien, jedenfalls zu Beginn, nicht zu den Männern zu gehören, die sich in den fruchtbaren Landschaften der Einsamkeit verirrten, wie viele seiner Art. Vielmehr versuchte er sich gegen den eigenen Machismo mit Selbsterkenntnis zu wappnen: Der tückische Furunkel sollte aufbrechen, sobald Rodrigo die Distanz zu sich verlor. Doch letztlich kam, was er über sich selbst erfuhr, stets auf lächerliche Weise zu spät, um sein Leben noch zu ändern. Und nicht selten wurden Erfahrung und Erkenntnis auch bei ihm überlagert von einer kunstvoll auf seinen skeptischen Geist zugeschnittenen Form von Melancholie.

Helen und Antigua saßen neben Rodrigo auf der Bank, hörten aufmerksam zu, sagten nie ein Wort und vergaßen alles, wenn sie sich Schlag siebzehn Uhr zusammen mit Senor Abalás erhoben. So verliefen die Tage. Abends lud man befreundete Südamerikaner ein, Franzosen aus Straßburg oder Paris, nur wenige Deutsche. Zumeist trafen sich acht oder zehn Personen. Die Gespräche hatten die Entwicklungen der Zeit zum Thema, die Literatur, die Künste, weshalb nur selten Bankiers oder Politiker teilnahmen.

Rodrigo hatte an der Sorbonne Philosophie und Jura studiert und war häufig mit Intellektuellen zusammen gewesen, mit Filmemachern, Literaten, Universitätsprofessoren. Nur die wenigsten wussten, welcher Art von Geschäften der scheue Kolumbianer mit der französischen Mutter und dem indianischen Vater nachging. Wer es erfuhr, vergaß es bald wieder, oder es wurde ihm letztlich egal.

Spät am Abend besuchte Rodrigo noch das Casino, dessen lärmende Prunkhaftigkeit ihn an den archaischen Geschmack seines Vaters erinnerte. Diesem war bei einer Wette ein Haus aus der Kolonialzeit zugefallen, im unruhigen Grenzgebiet zu Ecuador, und sobald er es im Kokaingeschäft zu etwas gebracht hatte, stattete er das schlossartige Anwesen mit allen barocken Kostbarkeiten aus, die er in europäischen Herrenhäusern und Adelssitzen auftreiben konnte.

Rodrigos Mutter sagte zwar: Schweine grunzen auch, wenn man sie auf Daunen bettet!
Aber sein Vater kannte sich aus mit den gelehrigen Tieren und grinste nur zufrieden.

Er hatte diese Frau auf der Avenue de l'Opéra in Paris gesehen und durch einen großzügigen Vertrag an sich gebunden: bis zwei Söhne geboren, erzogen und herangewachsen waren. Und Rodrigo, sein zweiter Sohn, ging nun jeden Abend ins Casino von Baden-Baden, um zwanzig- oder dreißigtausend Mark zu verspielen - als eine Art Ausgleich (man vermied das Wort Bezahlung) für den Service, den die Bäder- und Kurverwaltung bei der Abwicklung der Finanzgeschäfte bot.


Am Nachmittag jenes Tages, an dem Rodrigo Abalás noch einen Vorrat von neunhundertsiebenunddreißig Tagen hatte, lief gegen sechzehn Uhr dreißig eine Fünfjährige durch die Gönneranlage und hielt geradewegs auf die Bank zu, die er gemietet hatte. Ein Windstoß bauschte Haar und Kleidchen des Kindes und machte sie für den Augenblick durchlässig für einige Sonnenstrahlen. Es sah sehr hübsch aus.

Rodrigo verhandelte gerade mit einem hanseatischen Bankvorstand, der anbot, eine Summe von fünf bis sieben Millionen Dollar mit Achteinviertel auf drei Jahre zu verzinsen und nach Ablauf der Frist, das war das eigentlich Interessante, Kapital und Zinsen sicher nach Zürich zu transferieren.

Zwanzig Schritte vor der Bank stürzte ein Polizist in Zivil hinter einem der Rosenbüsche hervor, packte das Kind, hob es spielerisch in die Luft und setzte es mit den Worten: Geh schön spielen, aber nicht hier! wieder auf den Boden, damit es in die Richtung zurückliefe, aus der es gekommen war.

Der Polizist, ein junger Mann mit einem freundlichen Gesicht, beugte sich noch einmal über die Schulter des Mädchens und flüsterte ihm etwas zu. Dann schob er es vorwärts. Doch das Kind ließ sich fallen und begann laut zu schreien. Der Polizist wollte es aufheben und wegtragen, aber es strampelte wild mit den Beinen, trat um sich und schrie noch mehr.

Durch die torbogenartige Öffnung der Hecke erschien nun eine Frau, die einen Kinderwagen schob und ein weiteres Kind auf dem Arm trug. Auf den ersten Blick mochte sie dadurch schwerfällig wirken. Doch als sie ihre Älteste auf dem Boden sah, über ihr den fremden Mann, ließ sie ohne Zögern den Kinderwagen stehen und fiel, mit dem Kind auf dem Arm, ganz wie man es sich von heroischen Darstellungen der Malerei, des Films und der Literatur denken kann, über den Mann her, stieß ihn beiseite, sodass er rückwärts in die Dornen stolperte, und hob die Kleine vom Boden auf. Jetzt hatte sie beide Arme voll, und von den umliegenden Bergen stürzten sich die Indianer auf die Postkutsche.

Therese war Mitte dreißig, hatte drei Kinder und einen Mann, der vor einem Jahr bei der Geburt des jüngsten Kindes gestorben war. Seither bekämpfte sie das Leben allein, glaubte auch schon, es so langsam gelernt zu haben: und nun das!
Sie war weder hässlich noch besonders schön, doch der Wunsch, wieder geliebt zu werden, ließ sich seit geraumer Zeit nicht mehr verbergen. Ganz rücksichtslos hatte er sich nach außen gekehrt und teilte sich nun mit durch die schmerzhafte Intensität, mit der sie die Lebendigkeit ihrer Bewegungen zu unterdrücken versuchte. Aber der Wunsch legte sich auch über ihr Gesicht: als eine auf anrührende Weise aufreibende, weil allgegenwärtige Sinnlichkeit.

Danach befragt, würde sie, schon etwas resigniert, antworten, dass die Liebe nicht das ist, was man sucht, sondern das, was man findet!
Und obwohl Therese dergleichen nie für möglich gehalten hatte, rief sie nun, von fünf kräftigen, ihr unbekannten Männern bedrängt, laut um Hilfe.

Don Rodrigo Abalás jedoch erinnerte sich, als Thereses Blicke sich für einen kurzen, zufälligen Augenblick mit seinen trafen, an das, was seine Mutter am Abend des Tages sagte, an dem er seine zukünftige Frau ins Haus seiner EItern eingeführt hatte. Er sollte sie heiraten, weil ihre Familie einen beachtlichen Teil des karibischen Drogenhandels kontrollierte. Das Ganze war eine Idee seines Vaters gewesen, und nun ging es nur noch darum, die Form zu wahren.

Doch war seine Mutter an jenem Abend in sein Zimmer gekommen und hatte sich auf sein Bett gesetzt, wie früher, als sie ihn noch gegen die bösen Geister beschützte, die nachts aus dem Urwald kamen.
Was willst du mit ihr? hatte sie traurig und ohne Rücksicht auf seinen Vater gefragt: Sie hat keine Sehnsucht!
Aber diese Frau, dachte Rodrigo, hat eine Sehnsucht! Auch seine Mutter hätte das zugeben müssen!

Er bediente sich nicht seiner Leibwächter, sondern sprang selbst auf, riss den Polizisten, der Therese gepackt hatte, zurück und zischte im glühenden Spanisch der Pferdejungen, er werde ihn töten, wenn er sie noch einmal berühre.
Doch da war schon ein Polizeioffizier zur Stelle, der die heikle Situation erkannte: ein Wink, und die Männer verschwanden.

Rodrigo sprach kaum Deutsch. Wo nötig, übersetzten Helen und Antigua für ihn. Nun machte er die Erfahrung, dass es Situationen gab, wo er etwas sagen, aber nicht übersetzt werden wollte.
Er stellte sich dieser Frau förmlich und unter Hinzufügung sämtlicher Geburtsnamen vor. Da die Kinder immer noch weinten und Therese immer noch zitterte, bat er sie, sie möge sich setzen. Dann verscheuchte er mit einem Wink die Leibwächter, die ihrerseits die noch wartenden Bankiers vertrieben.

Therese war verwirrt und fühlte keine Kraft mehr in den Beinen. Deshalb kam sie der Bitte nach. Zu ihrer Überraschung entspannte sich jedoch die Situation nun rasch. Tania, das Baby, schlief wieder ein, und den beiden Älteren zeigte Rodrigo, wie man Kieselsteine und Rosenblätter in den benachbarten Josefinen-Brunnen warf.

Therese sah ihnen eine Welle aufmerksam zu. Irgendwann lehnte sie sich zurück, breitete die Arme aus und wagte es, ab und zu die Augen zu schließen: nur kurz, weil sie wusste, dass alles ein Traum war (...)
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siehe auch: Bald reit' ich davon


28
Dez
2008

Bekassinen

bekass1Paris war zwar lausig kalt, aber überwiegend mit einem blauen Himmel gesegnet. Ich habe die Stadt nach vielen Jahren wieder gesehen und schon im Vorfeld wurde mir wieder bewusst, dass sie mich auch literarisch beschäftigt hat: in der längeren Erzählung Bekassinen (die im Band 'Die Liebe am Nachmittag' enthalten ist).

Es geht um zwei junge Frauen, deren 'Roadmovie' im Paris der 80er Jahre, in einer Wohnung nahe des Place de Vosges beginnt. Während des Fluges nach Paris kam mir der Gedanke, eine Fortsetzung zu schreiben, die 20 Jahre später spielt, in der die beiden Frauen zufällig wieder aufeinander treffen - jetzt aber mit Partnern und Familie, arriviert und überaus angespannt, was über die gemeinsamen Erlebnisse dieser Zeit bekannt werden könnte. [© Eine Aufnahme des amerikanischen Fotografen Bill Schmoker (http://www.schmoker.org/BirdPics)]

Insofern spielte es für mich auch eine Rolle, die Schauplätze wieder aufzusuchen, die vor 20 Jahren eine Rolle spielten: vor allem natürlich der Louvre mit Caravaggios 'Wahrsagerin', der Place du Tertre, der Place des Vosges, aber auch der Friedhof Montparnasse. Im Grunde war mir, als müsste ich all diese Örtlichkeiten bereithalten können, sofern sich die beiden Frauen, Svea und die Ich-Erzählerin, entschlössen, sie nach 20 Jahren noch einmal aufzusuchen...


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B e k a s s i n e n


Heute vertrage ich die Luft von Paris nicht mehr. Nach wenigen Tagen muss ich in Gegenden, wo man wieder frei atmen kann. Damals musste ich bleiben. Ich studierte Architektur und Kunstgeschichte und sammelte Stoff für meine Abschlussarbeit, die von der Stadtplanung im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts handeln sollte.

Manchmal werde ich noch gefragt, warum ich die Arbeit nicht fertig gestellt habe. Mutter machte mir deshalb heftige Vorwürfe. Vater setzte für eine Weile die monatliche Überweisung außer Kraft: Damit ich es mir, wie er in seiner kühlen Art mitteilte, in Ruhe überlegen könne.

In Paris wohnte ich bei einem französischen Geschäftsfreund von Vater. In den Sommermonaten lebte er mit seiner Familie im Süden, und es war ihm angenehm, wenn die Wohnung in dieser Zeit nicht leer stand. Die Concierge wusste von meiner Ankunft und verschaffte mir Zutritt. Sie gab mir eine Codekarte für das elektronisch gesicherte Schloss und einen verschlossenen Umschlag, der die Geheimnummer enthielt. Die Wohnung nahm den zweiten Stock des Hôtels aus dem 17. Jahrhundert ein, das im Herzen des Marais, unweit des Place de Vosges, in einer Seitenstraße lag. Eingangshalle und Treppenhaus waren mit Marmor ausgeschlagen. Die Luft dort empfing mich angenehm kühl.

Ich betrat die Zimmer und fand sie in einem fast vollständigen Rechteck um den Innenhof angelegt. Meist hielt ich mich in der Küche auf und arbeitete am Küchentisch, blätterte in Bildbänden und Monografien, die ich mir besorgt hatte, und schrieb meine Hefte voll mit Anmerkungen. Anders als die eleganten Empire-Möbel, mit denen dir übrigen Räume ausgestattet waren, erinnerte mich das blank gescheuerte Holz des Tisches an den Hof meines Großvaters, auf dem ich meine Kindheit verbracht hatte.

Ich schlief nicht in dem Zimmer, das für mich vorbereitet war, sondern auf einem der Sofas in dem saalartigen Wohnraum, wo sich meine Atemzüge verloren und mich das Alleinsein nicht gleich bedrückte. Manchmal stand ich nachts auf, machte Feuer im Kamin und stöberte in der Bibliothek, deren Leder- und Leinenbände bis zur Decke reichten. Der Schlüssel zum Weinkeller fehlte (der leere Platz am Bett war mir gleich aufgefallen), aber im Vorratsraum neben der Küche gab es einen Weinkühlschrank. Dort lagerten einige Dutzend Flaschen, und ich öffnete, was mir in die Hände fiel.
Tagsüber hielt ich mich in der Sorbonne auf und, bis auf die Montage, an denen das Museum geschlossen blieb, in einer Abteilung des Louvre, die wissenschaftlicher Arbeit vorbehalten war. Einmal hatte ich Lust, mich einfach mit dem Strom der Besucher treiben zu lassen, und so war es unvermeidlich, den Saal zu betreten, in dem das bekannteste Bild Leonardos ausgestellt ist: Mona Lisa.

Ich sah das millionenfach verbreitete Bild zum ersten Mal aus der Nähe, ohne dass es mich weiter beeindruckte. Dann aber, im Weitergehen, machte ich, seltsam angezogen, vor einem Caravaggio halt: Es war 'Die Wahrsagerin', ein Jugendwerk des Malers: eine Gegenüberstellung von Zigeunerin und jungem Adligen, die, obwohl in jeder Hinsicht verschieden, einander auf schicksalhafte Weise verbunden wirkten.

WahrklDiese Frau war ich. Die Zigeunerin war mir nicht nur ähnlich, sondern in ihren Zügen, in ihrer ganzen Art ich. Von da an rührte ich die Aufzeichnungen und Notizen meiner wissenschaftlichen Arbeit nicht mehr an, sondern kümmerte mich nur noch um das Bild.

Ich hatte in einem der Warenhäuser in der Nähe der Opéra einen Falthocker mit grobem Stoffbezug gekauft, den ich mitnahm, um die Stunden vor dem Gemälde angenehmer zu verbringen. Die Museumsaufseher zeigten sich anfangs erstaunt über mein Verhalten. Sie waren es zwar gewöhnt, dass Kunststudentinnen oder -Studenten mit einem Skizzenblock erschienen. Aber eine junge Frau, die Tag für Tag kam und sich in einigem Abstand vor einem der Bilder auf einen dreibeinigen Hocker niederließ, die Beine übereinander schlug, den Rock zurechtzupfte und nur ab und zu Notizen in ein schmales Heftchen machte: das war neu.

Als ich am vierten Tag den Salle des Etats betrat, die Aufseher, die Dienst versahen, durch ein leichtes Senken des Kopfes gegrüßt, dann meinen allmorgendlichen ersten Gang zur Zigeunerin unternommen hatte und eben dabei war, den Hocker aufzustellen, trat, wie ich vermute auf ein verabredetes Zeichen hin, ein Angestellter des Louvre auf mich zu, sprach mich auf französisch und, als ich nicht gleich reagierte, in akzentbeschwertem Englisch an und bat um eine Unterredung.

Ich folgte ihm eine Weile durch weniger belebte Gänge. Der Mann war groß, über einsneunzig, und auf eine schlotternde Art schlank. Trotz des heißen Augusttages trug er einen dunklen Anzug, Krawatte und ein bis zum Hals geschlossenes Hemd. Wie er so einen Schritt vor mir her ging, kam er mir lächerlich vor.

Wir betraten ein kleines Büro, wo er mir Kaffee und eine Zigarette anbot. Dann fragte er gleich, warum ich mich jeden Tag so lange vor dem Bild aufhalte.

Ich wies ihn auf die Ähnlichkeit mit der Zigeunerin hin. Er hatte sie bemerkt, empfand sie aber nicht als ungewöhnlich. Dergleichen kommt vor, sagte er. Die Kunstgeschichte hält schließlich eine Fülle von Bildern bereit, und wir haben hier im Louvre jeden Tag Tausende von Besuchern, die auf sie treffen.

Er lächelte mir, ein wenig herablassend, zu und schien damit sagen zu wollen, dass ich nicht die erste war, der so etwas passierte, dass ich aber, wenn ich unbedingt wollte, mit meinen Beobachtungen fortfahren sollte.

Zum Abschied gab er mir seine knochige Hand.
Wenn Sie Erfolg haben bei Ihren Nachforschungen, sagte er, lassen Sie's mich wissen?

Ihm war bei aller routinierten Höflichkeit eine Spur Melancholie in die Stimme gerutscht, so als wollte er mir schonend beibringen, dass sich die Sache am Ende vermutlich in nichts auflösen würde.

Ich kehrte also zur Zigeunerin zurück, und die Museumsaufseher behandelten mich seitdem fast wie ihresgleichen. Sie verstanden mich zwar nicht, aber sie ließen es mich auch nicht spüren, wenn ich mich in ihren Augen lächerlich machte.

(…)

Ein paar Straßen weiter wohnte seit kurzer Zeit Svea, eine junge Schwedin, die für ein Jahr als Sprachstudentin nach Paris gezogen war. Ich lernte sie beim Einkaufen kennen, als sie nicht gleich verstand, was eine Verkäuferin von ihr wollte. Ich übersetzte für sie, und so kamen wir ins Gespräch. Sie war so, wie man sich eine Schwedin vorstellte: hübsch, blond, mit einem langen Zopf, der bei ihr gar nicht kindlich wirkte, und lebhaften blauen Augen, die mich neugierig anschauten. Wir verständigten uns in Englisch, das sie leidlich sprach.

Hin und wieder begegneten wir uns auf der Straße. Schließlich verabredeten wir uns, um gemeinsam ins Kino zu gehen oder in ein Konzert. Einmal lud ich sie zu mir zum Essen ein. Seltsamerweise gefielen ihr die Wohnung und deren Einrichtung. Jedenfalls behauptete sie das, obwohl ich erzählt hatte, wem sie gehörte.

Wir mochten uns. Sie war jünger als ich, und ihre wortkarge Zuneigung lenkte mich für eine Weile selbst von der Zigeunerin ab. Ihre Familie lebte am Polarkreis, an der Grenze zu Norwegen, wo ihr Vater ein Sägewerk besaß.

Wie ist es da? wollte ich einmal von ihr wissen.
Sie antwortete: Wie hier.
Warum bist du dann weggegangen?
Sie zuckte mit den Achseln: Ich weiß nicht, sagte sie.
Ein anderes Mal fragte ich, ob sie schon den Louvre gesehen habe.
Nein.
Ich lud sie ein, mit mir zu hinzugehen. Doch sie schien nicht sehr interessiert. Sie erzählte aber, dass an diesem Tag der Unterricht ausgefallen sei: die Lehrer waren unterwegs als Wahlhelfer für die Sozialisten.

An einem Abend in der Woche besuchte sie ein kleines Bistro, in dessen Hinterzimmer die Versammlung einer politischen Studentenvereinigung stattfand. Einmal begleitete ich sie. Obwohl ich mehr mitbekam als Svea, verstand ich nicht, um was es eigentlich ging. Jedenfalls diskutierte man heftig und lautstark, ohne sich durch mich stören zu lassen.

Nachher wollte sich ein Mann, der mir gegenübergesessen hatte, mit mir verabreden.
Ich weiß nicht, sagte ich, was Svea dazu sagt.
Die lachte, umarmte mich, wie sie es zuvor noch nie getan hatte, und rief dem Kerl zu: Sie ist meine Freundin! Siehst du das nicht? Sie geht nur mit mir!

Nach einiger Zeit ergab es sich, dass wir miteinander schliefen. Es war aufregend, für uns beide. In solchen Nächten lag ich lange wach, aufgewühlt darüber, was ich empfunden hatte und was da in mir vorging.

(...) in: Die Liebe am Nachmittag, Liebesgeschichten, Kiepenheuer & Witsch
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:::::::::::::::::::::::::::::::: Jochen Langer lebt und arbeitet als Autor in Köln. Er war als Dozent für die 'Grundlagen des Erzählens' zuständig und hat eine Vorliebe für Literaturaktionen. Zahlreiche Förderpreise und Auszeichnungen. www.jochenlanger.de ----- Seit 2009 Alltagsbetreuer für demenziell Erkrankte, Dozent an Fachseminaren der Altenpflege und Museumsführer für Demenzkranke. Gründung von dementia+art - ein Dienstleistungs-Unternehmen für 'Kulturelle Teilhabe bei demenziellen Erkrankungen und altersspezifischen Einschränkungen'. www.dementia-und-art.de

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JochenLanger1 - 2. Apr, 17:00
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Auch ich habe Ihren Kommentar gerne gelesen, weil er...
JochenLanger1 - 31. Mrz, 09:04
Die Reise des Helden
Nein, das ist nicht begriffsstutzig, sondern auch mein...
JochenLanger1 - 30. Mrz, 21:29
Nicht für das oben...
Nicht für das oben beschriebene Vorhaben. Ansonsten...
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