12
Jan
2009

Bald reit' ich davon - Stadtschreiber in Baden-Baden

babaDas Baldreit-Stipendium von Baden-Baden war für einen 'artist in residence' ausgelegt: d.h. man erwartete, dass der Aufenthalt des Stipendiaten/der Stipendiatin (der/die ein Komponist, ein bildender Künstler oder ein Autor sein konnte) innerhalb von 12 Monaten irgendeine Wirkung für die Stadt zeigte. In dieser Zeit hatte man eine kleine Dachwohnung unterhalb des Schlosses ('Im Baldreit') zur Verfügung.

Ich hatte in der entscheidenden Jurysitzung (ca. 20 Juroren gegen jeweils einen Bewerber) erklärt, das Jahr über "häufig und intensiv", aber nicht ständig in der Stadt sein zu wollen. Schließlich hatte ich Familie, zwei kleine Kinder. Als man nachhakte, wollte ich wissen, ob das Stipendium von vorn herein so angelegt sei, dass Bewerber mit Familie davon ausgeschlossen seien. Es gab ein großes Dementi, vor allem von Seiten der christlichen Mehrheitsfraktion.

Das allein bringt einem jedoch noch kein Stipendium. Vielmehr legte ich ein detailliertes Programm vor. Ich beschrieb darin, was ich mir unter einer Literatur vorstellte, die eingefahrene Distributionswege verließ: Ich wollte auf einer Litfasssäule in der Fußgängerzone regelmäßig Texte veröffentlichen, einmal im Monat eine Art Literatursprechstunde abhalten und Auszüge der neu entstehenden Texte als Kopien in verschiedenen Kulturinstitutionen für Interessierte zur Verfügung stellen. Mir Litfass1schwebte ein literarisches Netzwerk vor.

Noch am Abend reiste ich zurück nach Frechen, wo ich damals mit meiner Familie lebte, und kam nach Mitternacht zuhause an. Auf dem Küchentisch fand ich einen Zettel meiner Frau: "Du hast das Stipendium!"

Der neue Stadtschreiber wurde in einer feierlichen Veranstaltung eingeführt (Laudatio, ein Trio mit klassischer Musik, Oberbürgermeister etc. sowie etwa 100 Zuhörer). Ich hatte meinerseits eine Antrittsrede vorbereitet: 'Über die Liebe im öffentlichen Raum'.

Gemeint war natürlich die körperliche Liebe, und hier und da ging ein Raunen durch den Saal. Man hatte einen braven, gutbürgerlichen Künstler mit Familie und kleinen Kindern erwartet. Etwas Liebes und Nettes...

"(...)Kennen Sie einen Politiker, welchen die der körperlichen Liebe gewidmeten Nächte (von Tagen wage ich nicht zu reden) so mitgenommen haben, dass er erst einmal - halb sich entschuldigend, halb noch entzückt - an das 'Meine sehr geehrten Damen und Herren' anfügen muss: 'Ich habe fast die ganze zurückliegende Nacht damit verbracht, mit meiner Frau zu schlafen, bzw. mich von ihr lieben zu lassen - wundern Sie sich deshalb bitte nicht, wenn Sie in dieser Debatte einen zwar glücklichen, aber schläfrigen Menschen vor sich haben, dem die Auswirkungen der letztjährigen Anhebung des Gewerbesteuersatzes im Augenblick ziemlich fern sind...'
Sind bei uns Politiker denkbar, Manager, Funktionäre und andere, die in den Augen der Öffentlichkeit etwas Wichtiges zu tun scheinen, die sich so der Liebe, genauer: der körperlichen Liebe aussetzen?(...)"

Baden-Baden war gewarnt.

Die landschaftlich idyllisch gelegene Stadt war - bei vergleichbarer Größe - so ziemlich das genaue Gegenteil der Industrie- und Arbeiterstadt Frechen, wo ich seit einigen Jahren lebte. Luxushotels- und Luxusgeschäfte. Pferderennbahn, staatliche Kunsthalle, Spielcasino und Thermen, viel Geld und die 'bessere' Gesellschaft. Zahllose Seniorenresidenzen und allenthalben adrette Sauberkeit. Hier zählten vor allem die nützlichen Beziehungen, und hier gab es den guten Ton, der an Haben oder Nichthaben anknüpfte. Business und Wellness: dafür stand das Tourismuskonzept der Stadt, als dessen verlängerter Arm auch der Baldreit-Stipendiat angesehen wurde.

Sodann die legendäre 'Große Woche', in der sich jährlich all das verband: in der Woche von August zu September traf sich seit dem 19. Jh. der europäische Hochadel, um amouröse Allianzen und Geschäfte zu machen - oder Kriege auszuhandeln.

Diese Andersartigkeit, auf die ich traf, erwies sich für mich als literarisches Lebenselixier. Ich begann schon nach ein paar Tagen ins Blaue hinein zu schreiben, abgesichert nur durch ein Netzwerk, das Wellershoff einmal "strukturelle Phantasie" genannt hat.

In einigen der Erzählungen und Texten, die in diesem Jahr entstanden, ging es um Dreck und Exkremente, organisiertes Verbrechen, Prostitution, verkrüppelte Menschen, Geldwäsche und Drogensucht. Alles Dinge, mit denen Baden-Baden nichts zu tun hatte... Fokussiert in der Liebesgeschichte eines kolumbianischen Drogenbarons mit einer badischen Hausfrau, einer Witwe mit drei Kindern.

Ich veröffentliche diese Erzählung zu Beginn der Baden-Badener 'Großen Woche': die ersten Seiten des etwa dreißigseitigen Textes waren (wie schon bei anderen Texten) handschriftlich auf der Litfasssäule zu lesen:

Wie jedes Jahr trafen sich zur Großen Woche die schönsten Huren Europas, die reichen südamerikanischen Drogenbosse, Banker, Industrielle und Politiker, um Geschäfte zu machen.(...)
Kopien des ganzen Textes waren wie üblich in der Stadtbücherei, im Kulturamt und an anderen öffentlichen Stellen ausgelegt.

Als Folge zeigte sich in den Tagen darauf schroffe Ablehnung, die in einer Erklärung des Oberbürgermeisters vor dem Rat der Stadt kulminierte: "Zahlreiche Bürger, die ständig im Rathaus anrufen, ihrem Ärger Luft machen, wünschen vehement ein Wort des Oberbürgermeisters und fordern Konsequenzen". Man hoffte, der Stipendiat J. L. werde die schöne Stadt an der Oos möglichst bald verlassen. Die örtliche Presse beklagte die Undankbarkeit gegenüber dem städtischen Mäzen. In die Literatursprechstunde kamen brave Patrioten, um mich zu beschimpfen.

buettenstrAber ich wurde auch von wildfremden Leuten angesprochen: etwa wenn ich mit dem Kinderwagen in der Fußgängerzone unterwegs war und man zeigte sich glücklich, dass ich den Geist (und den Nerv) der Stadt getroffen hatte.

Ich habe meine Arbeit als Stadtschreiber in Baden-Baden getan. Ein literarischer Text wurde zum Stadtgespräch. Mehr war in der Stadt an der Oos für mich nicht zu erreichen. Auf dem Höhepunkt der Debatte verfasste ich in Reaktion auf Artikel in der Badischen Zeitung folgenden Leserbrief, der auch abgedruckt wurde:

"In obengenanntem Artikel stellten Sie in Ihrer Ausgabe vom 31.8. einige Behauptungen auf, die unrichtig sind. Im einzelnen: Sie behaupten, daß ich der 'sogenannte Baldreit-Stipendiat' bin. Das ist unrichtig. Richtig ist, daß ich der Baldreit-Stipendiat bin. Ferner behaupten Sie, daß ich mich 'fern von Weib und Kind' aushalten lasse. Das ist unrichtig. Richtig ist vielmehr, daß ich mich in Frechen oder Baden-Baden zusammen mit Weib und Kind aushalten lasse. Unrichtig ist auch die folgende Behauptung: 'Immer wenn es ihn überkommt, schreibt er sich seine Wallungen von der Seele.' Richtig ist, daß ich feste Arbeitszeiten habe, in denen ich schreibe. Endlich schreiben Sie, daß mein Romanheld Rodrigo auf der letzten Seite durch eine mit Stacheln bewehrte Kastanie getötet wird. Das ist unrichtig. Richtig ist, dass er bereits auf der drittletzten Seite durch eine Gewehrkugel umkommt. Zum Schluß behaupten Sie noch, daß ein 'richtiger Künstler' nicht verzagt. Das ist unrichtig. Auch ein richtiger Künstler verzagt."
nanou - 14. Jan, 19:02

Alles in allem klingt das nach einer unerquicklichen Zeit für die Hauptakteure.
Wie konnte das so weit kommen? Möglicherweise hatten die Mitglieder der vergebenden Jury sich mehr äußerlich mit Ihrer vita und Ihren strukturellen Vorhaben beschäftigt als mit möglichen Inhalten, denn wie sonst hätten sie derart überrascht werden können, dass sie in ihren Augen ein 'enfant terrible' für ihr sauberes Städtchen ausgewählt hatten. Oder Sie hatten bislang nichts Derartiges veröffentlicht (ganz ohne Wertung zu verstehen) ... Das kann ich mir jedoch nicht vorstellen. Eine 'Warnung' bei der Antrittsrede ist in jedem Fall zu spät, mein ich. - Schade.

HansP - 14. Jan, 20:57

Gar nicht schade,

liebe Nanou! Warum? Weil es zum Selbstverständnis von Kunst und Literatur gehört, die sich und die Gesellschaft, in der sie entsteht, ernst nimmt und deshalb einer Stadt wie Baden-Baden Texte liefert, die auch auf die unschönen Seiten hinweisen – vor allem, wenn diese verborgen gehalten werden sollen (siehe Fremdenverkehrsamt). Dass das literarisch angemessen geschieht, scheint mir selbstverständlich (später hat man die Erzählung ‚Die Große Woche‘ ein „literarisches Juwel“ genannt). Zum ersten Mal wurde in der Stadt Literatur zum Tagesgespräch, und es gab ein Hin und Her der Meinungen wie bei einer politischen Auseinandersetzung. Als Schriftsteller kann einem kaum etwas Besseres passieren (auch wenn's aufregt und manchmal weh tut). Ich denke, dass ich erst dadurch mein Geld 'wert' war.
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(Ich werde die ersten Seiten der Erzählung mal hier rein setzen, damit man sich über Don Rodrigo Abalás und Therese mit ihren drei Kindern ein genaueres Bild machen kann… Vielleicht bist du, Nanou, dann der Meinung, dass es den Ärger wert gewesen sein könnte… ;-)
Übrigens, letztes Jahr wurde von SWR2 eine Hörspielfassung produziert und gesendet.
nanou - 14. Jan, 23:55

Schade deshalb, weil Kunst für mich zwar nicht auf 'Kuschelkurs' zu fahren braucht, aber das Gegenteil der Dauerauseinandersetzung mit ständig neuen Grenzziehungen anstatt Verständigungen eben auch nicht. Diesen Eindruck hatte ich jedoch vorrangig beim Lesen des Beitrags. Umso besser, wenn es in Wirklichkeit anders war. - Ich bin gespannt.
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