Literaturbetrieb

5
Jan
2009

Im Künstlerdorf

Anläßlich einer Bewerbung um ein Stadtschreiber-Stipendium kamen süße Erinnerungen auf an meine Zeit im Künstlerdorf des Landes NRW im münsterländischen Schöppingen (bei Münster). In einem 'Leserbrief' an die 'Westfälischen Nachrichten' hatte ich damals versucht, etwas über die anregende Arbeitsatmosphäre zu berichten
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schoeppin 'Leserbrief' in den 'Westfälischen Nachrichten'

Betreff: Ihr Bericht vom 17.6. über das Künstlerdorf Schöppingen

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ihr letzter Bericht über das Künstlerdorf Schöppingen ('Auch das Künstlerdorf muss sparen') hinterlässt einen zwar sachlichen, aber eher freudlosen Eindruck, der dem Alltag dort nicht ganz gerecht wird. Dem will ich hier entgegenwirken, indem ich nur einmal Servicebereich, Verpflegung und Arbeitsbedingungen erwähnen möchte.

Wie vielleicht schon bekannt ist, wird von unserem Stipendium (monatlich satte fünftausend Mark) ein Teil für den Servicebereich einbehalten (bei mir rund 130 DM, allerdings ohne Strom). Dafür werden die Betten gemacht, das Geschirr gespült und abends vor dem Schlafengehen (es ist eine ländliche Gegend) die Wohnungen nach Spinnen und ähnlichem Getier abgesucht.

Gegen elf in der Frühe (vorher ist eh keiner wach) erwartet uns regelmäßig ein liebevoll gedecktes Frühstücksbüfett. Manche der Stipendiaten/innen erscheinen mit neuen Bekanntschaften vom vorangegangenen Abend, und so ist es zumeist sehr kurzweilig.

Danach ist erst mal Mittagspause. Gegen Vier schließt sich Teatime an und gegen acht wird ein warmes Essen angeboten, in der Regel Münsterländer Hausmannskost (Panhas, Bohnen mit Speck oder auch mal Pfefferpotthast, dazu Altbier bis zum Abwinken).

Von drei bis vier und von sechs bis sieben liegen die sogenannten Kernarbeitszeiten, auf deren Einhaltung der Herbergsvater achtet. Um nur einmal von meiner Arbeit zu sprechen: Wenn ich einen Einfall habe, rufe ich Lieschen, die Schreibkraft, die den Literaten zur Verfügung steht, und diktiere ihr vom Schaukelstuhl aus. Haben zwei Autoren zur gleichen Zeit einen Einfall, kann es zu Engpässen kommen. Aber das ist zum Glück selten. Hat Lieschen auch eine Idee, schreibt sie die einfach dazu. So kommt im Laufe der sechs Monate ganz schön was zusammen.

Bei den bildenden Künstlern kenne ich mich nicht so aus. Ich weiß nur, dass sie für die Kernarbeitszeiten Otto, den Hausmeister, zur Verfügung haben. Der ist gelernter Schlosser und Anstreicher und soll, wie es heißt, handwerklich sehr geschickt sein.

Zum Ausklang des Tages wird ein Mitternachtsimbiss gereicht. Obwohl das auch sehr angenehm sein kann, ist mir die Teatime am liebsten, vor allem wenn die Herbergsmutter ihren leckeren Napfkuchen mit Rosinen gebacken hat. Ist Christina (Rau) da (wir duzen uns hier alle, so als wären wir in der selben Partei), bringt auch sie ihren Napfkuchen mit. Allerdings ohne Rosinen. Der ist dann meist etwas trockener.

Mit freundlichen Grüßen

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Siehe auch Stiftung Künstlerdorf Schöppingen

18
Dez
2008

Hippopotamus

Nil Eine Anfrage bezüglich der Möglichkeit, binnen kurzer Zeit 18 Nilpferdgedichte zu schreiben, ließ mich an eine Begegnung mit einem Experten für Nilpferdgedichte denken: Wjatscheslaw Kuprianow.
Eine meiner Golfgeschichten spielt auch in Russland. Sie führt drei Personen zusammen: Ruth, die aus der früheren DDR stammt und im Westen nach dem Sinn des Lebens sucht, Egon Züblikon, der ein deutscher Zöllner ist und dabei wie ein tumber Tor wirkt, aber keiner ist, und eben Kolja Kuronowski, seines Zeichens Ringer, Radfahrer und Poet, nebenbei einer der Bosse der Moskauer Unterwelt.

Es gibt in der russischen Geschichte den Begriff der 'Diebe im Gesetz', der für eine Art von Paten steht, die der organisierten Kriminalität vorstehen. Für das Klima der Geschichte spielen jedoch noch weitere - ganz unterschiedliche Bereiche - eine Rolle, über die ich im Folgenden Auskunft gebe.

Neben dem Aspekt Golf (zu meiner Erleichterung gibt es mittlerweile einen 18-Loch-Platz in Moskau - 'Le Meridien', der zu einem Luxusresort im Gebiet Nakhabino gehört, westlich der Moskauer City, im Distrikt Kransnogorsky), spielte für mich die Erinnerung an den russischen Lyriker Wjatscheslaw Kuprijanow eine Rolle, den ich im Sommer 1997 im Künstlerhaus des Landes NRW in Schöppingen traf.

Wjatscheslaw  Kuprijanow - Slawa -Slawa, wie er von den anderen Artists in residence genannt wurde, war ein freundlicher, umgänglicher Herr Ende fünfzig, zurückhaltend, aber auch sehr humorvoll. Er war damals gerade sehr erfolgreich - mit einem Lyrikband an der Spitze der SWF-Bestenliste und eingeladen zu einem Lyriker-Treffen nach Kanada. Dennoch merkte man ihm - in Gesprächen über die aktuelle Entwicklung in seiner Heimat - eine fundamentale Kränkung an, die ihm im Russland Gorbatschows widerfahren sein musste. Ich wusste, dass Slawa im kommunistischen Moskau zu den priviligierten Intellektuellen gehört hatte. Verheiratet mit einer Opernsängerin lebte er im Prominentenviertel, hielt sich aber in Distanz zum Regime.

Slawa sprach fließend deutsch. Er hatte deutsche Klassiker ins Russische übersetzt und war seinerseits in der DDR übersetzt worden. Im Russland der Vor-Gorbatschow-Ära hatte er - wie andere Dichter auch - eine beträchtliche Popularität genossen. Dies galt vor allem für sein berühmtes Hippo-Gedicht: ein vielstrophiges Poem über die 'Nilpferdisierung' des Kommunismus.

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Wjatschelaw Kuprijanow ist als ein "Autor auf Wanderschaft" bezeichnet worden. Er wurde als Sohn eines Ärzteehepaares in Novosibirsk geboren. Als er drei Jahre alt war, fiel sein Vater 1942 an der Front. Nach dem Militärdienst studierte er in Moskau Deutsch, Französisch und Linguistik. Ab 1967 war er als freier Schriftsteller und Übersetzer tätig, vor allem aus dem Deutschen (Hölderlin, Rilke, Brecht, Enzensberger u. a.).

Es liegen zahlreiche Veröffentlichungen vor und Übersetzungen in mehrere Sprachen. Kuprijanow ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.

Mit dem Ende des Kommunismus in Russland nahm bekanntlich der Reiz von Literatur als Forum für abweichende Meinungen stark ab. Slawa sah sich wie andere Künstler und Literaten gezwungen, durch die halbe Welt zu reisen, um überleben zu können. Für den Sommer 97 hatte er ein Stipendium in Schöppingen erhalten, und so lebten wir einige Zeit Tür an Tür. Zusammen gingen wir schwimmen, spielten Fussball oder Boule (manchmal auch 'en familie'). Denkwürdig wurde jener Tag, als Gia ihm eine Boulekugel auf den Kopf warf.

Dennoch gelang es uns die Arbeit an einem gemeinsamen Lyrikprogramm fortzusetzen: Angenähert an bestimmte Motive wie Nation, Generation, Heimat, Liebe, Natur stellten wir unsere oft sehr unterschiedlichen Erfahrungen gegeneinander. Wir präsentierten dieses Programm einige Male in der Öffentlichkeit des Künstlerhauses, und es waren (wie ich glaube) für alle Beteiligten beeindruckende Abende.

Er war in seiner Armeezeit zu einem Ringer ausgebildet worden, und auch jetzt noch war der untersetzte Mann in tadelloser Verfassung. Da er in Schöppingen kein Auto besaß, hatte er sich ein Fahrrad beschaft und unternahm damit abenteuerliche Ausflüge, bei denen niemand wusste, wohin ihn sein Weg führte - über den ausgedehnten Campus des Künstlerdorfes ebenso wie durchs Münsterland. Er mochte Kinder und Kinder mochten ihn.

Der Ringer

Mag sein, dass der Ringer schon etwas müde war,
als er das Fahrrad für sich entdeckte.
Am liebsten fährt er damit zwischen zwei Kämpfen
oder davor und danach.
Ein heiterer Sport, sagt er,
wenn man den Lenker nicht allzu fest hält.
Slawa2

Dabei zeigt ihn ein Foto in der Tat wie einen sizilianischen 'Paten' - und dies mag der letzte Aspekt für mich gewesen sein, ihn gewissermaßen zum physischen Vorbild für den Russen in meiner Erzählung zu machen. Er mag es mir verzeihen!

Der biografische Hinweis soll zugleich deutlich machen, dass der wirkliche Wjatscheslaw Kuprijanow nichts mit dem Kolja zu tun hat, den ich beschreibe: Kolja ist eine Transformation, die für mich schon deshalb als literarische Technik notwendig ist, weil sie mir Freiheit gewährleistet: nämlich literarisch weiter auszugreifen, als es mir der Bezug auf eine simple Realität ermöglichen könnte.
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Erzählen

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Gia Böll Köln

Amélie
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:::::::::::::::::::::::::::::::: Jochen Langer lebt und arbeitet als Autor in Köln. Er war als Dozent für die 'Grundlagen des Erzählens' zuständig und hat eine Vorliebe für Literaturaktionen. Zahlreiche Förderpreise und Auszeichnungen. www.jochenlanger.de ----- Seit 2009 Alltagsbetreuer für demenziell Erkrankte, Dozent an Fachseminaren der Altenpflege und Museumsführer für Demenzkranke. Gründung von dementia+art - ein Dienstleistungs-Unternehmen für 'Kulturelle Teilhabe bei demenziellen Erkrankungen und altersspezifischen Einschränkungen'. www.dementia-und-art.de

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_____________________ Meine Kommentare

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JochenLanger1 - 2. Apr, 23:14
Ich hätte ja gern...
Ich hätte ja gern gewusst, wie du (und andere)...
JochenLanger1 - 2. Apr, 17:00
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Auch ich habe Ihren Kommentar gerne gelesen, weil er...
JochenLanger1 - 31. Mrz, 09:04
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Nein, das ist nicht begriffsstutzig, sondern auch mein...
JochenLanger1 - 30. Mrz, 21:29
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Nicht für das oben beschriebene Vorhaben. Ansonsten...
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