6
Feb
2009

Kleinbürger - Großbürger?

Man glaubt mir nicht, dass ich ein Kleinbürger bin. Hätte ich schreiben sollen, dass ich ein Großbürger bin? Oder - von Berufs wegen - ein Intellektueller? Gibt es unter Intellektuellen keine Spießer? Und unter Großbürgern keine Kleinbürger?

Vielleicht hätte ich genauer beschreiben sollen, dass ich aus dem Kleinbürgertum stamme, einen Bildungsaufstieg absolviert und zeitlebens versucht habe, meine Abstammung hinter mir zu lassen...? Man schleppt sie aber ein Leben lang mit sich herum. Und man tut gut daran, sich dessen bewusst zu sein.

Wenn ich an meinen Kölner 'Nachbarn' Heinrich Böll denke, fällt mir eine bessere Beschreibung dieser Sphäre ein, die sowohl manche Intellektuellen wie auch manche Großbürger einschließen mag: es sind die kleinen Leute, die mich interessieren.

Gemachte Anmut?

Anfangs tourte sie in ihre eigenen Entwürfe gekleidet durch die Kölner Szene. Vernissagen, Partys, PR-Highlights. Alles, was es so gab. Hoch erhobenen Hauptes bewegte sie sich durch das Gewisper und Geschwätz, mit den unerklärlich gerade zurückgenommenen Schultern des gelernten Models, aus denen die Arme nicht etwa sinnlos herab fielen, sondern sich als Teil einer staunenswerten Anmut präsentierten.

Das war es auch, was Tom geradezu magisch anzog und Belle durch die Innenstadt bis zu ihrem Laden im Belgischen Viertel folgen ließ: diese andere Art sich zu bewegen. Doch als er Belle einmal davon erzählte, lachte sie nur.
"Was du gesehen hast, ist nichts als der Ausdruck unerbittlichen Drills. Was du natürliche Anmut nennst, ist in Wirklichkeit Handwerk.“
Tom war geradezu empört über diese Abwertung: „Das glaube ich nicht. Nie und nimmer! Und das will ich auch nicht glauben, Belle! Es gehört zu dir! Sicher ist es angeboren! Tausend Prozent!"
Belle schaute ihn mit einem leicht spöttischen Ausdruck im Gesicht an. „Der Gedanke gefällt dir nicht, weil du ein Mann bist. Weißt du, Tom, offensichtlich ist dir da etwas entgangen. Du hast mich nie diesen Drill trainieren sehen.“
„Aber wenn ich sehe, wie du dich bewegst… ja es ist angeboren! Das ist so ganz und gar offensichtlich!“ Dann überlegte er noch einmal. „OK, eigentlich ist es mir auch egal, wie es entstanden ist. Oder?“

Die Beine Stück um Stück einander leicht kreuzend nahm ihr Schritt die Bewegung des ganzen Körpers auf, erwies sich nicht bloß, da es aufdringlich wirken müsste, als simple Fortsetzung nur eines Teils der Muskulatur, und sei dieser, Hüfte, Becken oder Gesäß, im Einzelnen auch noch so beeindruckend –

Mit unbeirrbarer Sicherheit nahm sie auf diesen Runways ihren Weg. Kein Flash, der sie erschreckte, keine Kamera, die sich enttäuscht abkehren musste. Belle schien den Augenblick vorauszusehen, wenn eine Linse es darauf anlegte, mit ihr zu plaudern. Erst im Verlauf des zweiten Jahres, als man ihr mehr und mehr Einladungen ins Haus schickte, schraubte sie das Tempo etwas zurück.

Einmal hatte sie ihm ihre Setcard gezeigt, aus ihrer aktiven Zeit als Model, mit einer Mischung von Stolz und Selbstzufriedenheit und ein paar selbstkritischen Anmerkungen.
93-62-92

Während Tom darin blätterte und sich die Fotos ansah, stand sie in ihrem Ankleidezimmer, das einen beachtlichen Teil des Schlafzimmers einnahm. Ein Raum, der mit hohen Schiebetüren abgeteilt war, dahinter offene und geschlossene Schränke, ausziehbare Fächer, Kartons, Schubladen. Alles, soweit Tom sehen konnte, fein säuberlich geordnet. Belle war nackt bis auf einen schwarzen Slip und hielt ein dunkelblaues Kostüm prüfend in die Höhe. Sie hatte irgendeinen Termin. Dann wählte sie eine passende Bluse aus, wofür sie eine Weile brauchte. Es war seltsam für ihn, Belle in solche Maße gepresst zu sehen. Belle freilich hatte kein Problem damit.

"Gibt es etwas", sagte sie, ohne sich bei ihrer Auswahl stören zu lassen, "dass selbstverständlicher ist in unserer Branche, dass unmittelbarer Auskunft gibt über die Verhältnisse, als die nackten Zahlen, die Konfektionsgröße und Industrienorm betreffen?" Danach lachte sie ein kleines selbstironisches Lachen, das selten bei ihr war und Tom unangenehm berührte. Belle bemerkte es. "Du bist ein Romantiker, Tom. Oder noch schlimmer: ein melancholischer Mensch! Laufsteg, Runway, Catwalk, das heißt nicht viel und meist ist es eher banal. Figur und was du darunter verstehst - das ist gut und schön, aber was mich angeht, mein Lieber, war der Schlüsselreiz für die Branche nicht so sehr mein Körper, sondern mein Haar! Meist bin ich gebucht worden, weil man diesen Latino-Typus mit europäischem Einschlag wollte."

Ihr Haar war nachtschwarz, von ungemein kräftiger Struktur und zeitweise überaus störrisch. Belle erlaubte ihm ab und an, ihr behilflich zu sein, wenn sie es wusch. Tom war dann glücklich. Er liebte es, die Fülle aus ihrer sanft gewölbten Stirn zu streifen zu einem Helm, der bis über die Schultern reichte. Reichlich warmes Wasser. Noch mehr warmes Wasser. Belle schloss in Wonne die Augen. Die Kraft der Spiralfedern schien für kurze Zeit gebändigt.

Mit nassen, gebändigten Haaren maß sie eins sechsundsiebzig. Dazu kamen sechzig Kilo Idealgewicht, verteilt auf die heilige Dreieinigkeit.
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Künstlerpaare

Im Kölner Wallraf-Museum findet zurzeit (und nur noch bis 8. 2.) die Ausstellung 'Künstlerpaare' statt. 13 Männer und 13 Frauen, die im Bereich der Bildenden Kunst / Malerei zusammen arbeiteten und lebten, werden vorgestellt. Von Camille Claudel & Auguste Rodin über Gabriele Münter & Wassily Kandinsky bis zu Niki de Saint Phalle & Jean Tinguely.

Die Ausstellung war sehr gut besucht. Der Frauenanteil mochte bei etwa 80 % liegen - ein Hinweis darauf, dass die künstlerischen Arbeiten von Frauen bisher in Museen nach wie vor nur vereinzelt vorkommen und, wenn sie doch präsentiert werden, auch die entsprechende Aufmerksamkeit erregen.

Mir ist allerdings noch eine Erklärung eingefallen: Gerade Frauen (scusi!) romantisieren gerne mit der Vorstellung einer kreativen, künstlerischen Zusammenarbeit. Dagegen hält die Realität, halten die Biografien der Beteiligten die üblichen menschlichen Beziehungskatastrophen bereit: Betrug, Eifersucht, Abhängigkeit (der Schülerin vom älteren Lehrer, des Künstlers von der reichen Mäzenin). Gleichwohl hat mich überrascht, dass die Künstlerpaare in der Regel nicht wirklich zusammen arbeiteten, sondern quasi nur nebeneinander. Es gibt relativ wenige Beispiele gemeinsamer Bilder / Projekte (z.B. von Sophie Taeuber-Arp und Hans Arp oder der Figurenbrunnen von Jean Tinguely & Niki de Saint Phalle am Pariser Centre Pompidou).

Viele der Bilder und Objekte sind relativ unbekannt. Sodass überraschende Entdeckungen möglich sind: z.B. ein Textobjekt von Frieda Kahlo zu Johanna von Orleons, das mir gut gefallen hat. Probleme hatte (nicht nur) ich mit der Ausleuchtung einiger Bilder und Objekte: die Lichtstrahler waren zu direkt und damit zu grell.
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Erzählen

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:::::::::::::::::::::::::::::::: Jochen Langer lebt und arbeitet als Autor in Köln. Er war als Dozent für die 'Grundlagen des Erzählens' zuständig und hat eine Vorliebe für Literaturaktionen. Zahlreiche Förderpreise und Auszeichnungen. www.jochenlanger.de ----- Seit 2009 Alltagsbetreuer für demenziell Erkrankte, Dozent an Fachseminaren der Altenpflege und Museumsführer für Demenzkranke. Gründung von dementia+art - ein Dienstleistungs-Unternehmen für 'Kulturelle Teilhabe bei demenziellen Erkrankungen und altersspezifischen Einschränkungen'. www.dementia-und-art.de

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Danke für deine...
Danke für deine Antwort, Lady! Dass sie nie zusammen...
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Ich hätte ja gern...
Ich hätte ja gern gewusst, wie du (und andere)...
JochenLanger1 - 2. Apr, 17:00
Kaffeehaus-Essenz.
Auch ich habe Ihren Kommentar gerne gelesen, weil er...
JochenLanger1 - 31. Mrz, 09:04
Die Reise des Helden
Nein, das ist nicht begriffsstutzig, sondern auch mein...
JochenLanger1 - 30. Mrz, 21:29
Nicht für das oben...
Nicht für das oben beschriebene Vorhaben. Ansonsten...
lamamma - 29. Mrz, 23:12

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