10
Dez
2008

Reichstage (2)

Nach der Fashionschau war sie verschwunden. Drei Tage lang. Dann fand man den zerfetzten Körper. Ein junges Mädchen hatte die Leiche entdeckt, flussabwärts. Der Körper hatte im Wasser gelegen und war bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Vom Mund bis zur rechten Braue zog sich eine klaffende, grob perforierte Wunde. Der untere Teil des linken Arms war bis zum Ellbogen abgerissen, die Kleidung zerfetzt. Offenbar war Belle in eine oder mehrere Schiffsschrauben geraten. Am nächsten Tag berichteten die ersten Zeitungen über die Tote aus dem Rhein. Es waren, im Frühsommer des Jahres 1990, noch relativ knappe, zunächst fast gleichlautende Notizen. Es schien unklar, ob es sich um einen Unfall, Selbstmord oder um ein Verbrechen handelte.

Während Rosalind irgendetwas erzählt, folgt Tom mit wachsender Anspannung den Bewegungen in der Hotelauffahrt, als erwarte er bei jedem Wagen, der vorfährt, dass Belle aussteigen und ihm zuwinken würde. Nach dem Essen holt er Rosalinds Vuitton-Gepäck, einen mittelgroßen Koffer und eine Tasche, die sie bei der Rezeption abgestellt hat. Gemeinsam fahren sie nach oben. Er weiß, wie es ist mit dieser Engländerin zu schlafen. Dabei ist sie nicht einmal sein Typ. Sie ist nicht groß und nicht besonders schön. Sie hat ihn nie um Hilfe gebeten. Eher war es umgekehrt. Sie bedeutet ihm nichts, allenfalls diese Nähe, nach der er sich sehnt.

Es war schon nach Geschäftsschluss gewesen, ein angenehmes, warmes Licht beleuchtete die Auslagen. Kleider, Hosen, Röcke, gute Stoffe in Erdtönen, versetzt mit Materialien in Neonfarben, klassische Schnitte, verfremdet durch künstliche Risse, Perforierungen à la Fontana. Ein leichter Nieselregen zog vorbei, in einer jähen Windbö flogen Mantelschöße auf, Einkaufstüten schlugen gegen die Beine, Passanten hasteten schneller in Richtung Rudolfplatz, wo die Busse und Straßenbahnen abfuhren. Als er aufblickte, stand Belle hinter dem Fenster und schaute ihm in die Augen.

An diesem Abend war sie auf die Idee mit den lebensgroßen Zeichnungen gekommen. Sie drückte ihm den Marker in die Hand und stellte sich mit dem Rücken an die cremefarbene Rückwand des Showrooms.
„Einfach von oben nach unten!“
Eine drei Millimeter breite Linie, die der leisen Ironie in Belles Stimme gehorchte. So nah wie möglich am Körper entlang, die Rundung ihrer Achsel, sein Zeigefinger streifte Schweiß ab - war es denn so heiß? Dann, zwischen ihren Fingern, unterbrach ihn ihr Wispern: “Es kitzelt, Tom!”

Danach hielt sie wieder still. Schließlich kniete er vor ihr, den Rücken krumm wie ein chinesischer Reisbauer, den Kopf gegen ihren Schoß gedrückt, als gelte es eine besondere Stelle zu markieren. Belle stöhnte und kicherte zugleich, hielt aber die Augen geschlossen, nur ein, zwei Mal flatterten die Mascara-gefärbten Wimpern. Brave, tapfere Belle.

Danach zog sie weit schneller seine Umrisse. Für sie war es Routine, hingeworfen, die Geste des Entwurfs. Sein Körper erschien nun neben ihrem, sein Arm neben ihrem Arm, seine Hand berührte ihre Hand, auch wenn es nur der kleine Finger war, der an ihren kleinen Finger tippte, behutsam wie man eine Herdplatte prüft.
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:::::::::::::::::::::::::::::::: Jochen Langer lebt und arbeitet als Autor in Köln. Er war als Dozent für die 'Grundlagen des Erzählens' zuständig und hat eine Vorliebe für Literaturaktionen. Zahlreiche Förderpreise und Auszeichnungen. www.jochenlanger.de ----- Seit 2009 Alltagsbetreuer für demenziell Erkrankte, Dozent an Fachseminaren der Altenpflege und Museumsführer für Demenzkranke. Gründung von dementia+art - ein Dienstleistungs-Unternehmen für 'Kulturelle Teilhabe bei demenziellen Erkrankungen und altersspezifischen Einschränkungen'. www.dementia-und-art.de

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_____________________ Meine Kommentare

Danke für deine...
Danke für deine Antwort, Lady! Dass sie nie zusammen...
JochenLanger1 - 2. Apr, 23:14
Ich hätte ja gern...
Ich hätte ja gern gewusst, wie du (und andere)...
JochenLanger1 - 2. Apr, 17:00
Kaffeehaus-Essenz.
Auch ich habe Ihren Kommentar gerne gelesen, weil er...
JochenLanger1 - 31. Mrz, 09:04
Die Reise des Helden
Nein, das ist nicht begriffsstutzig, sondern auch mein...
JochenLanger1 - 30. Mrz, 21:29
Nicht für das oben...
Nicht für das oben beschriebene Vorhaben. Ansonsten...
lamamma - 29. Mrz, 23:12

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